Miteinander

 

„Bei uns beiden stimmt die Chemie nicht“.

„Ich habe keinen Draht zu diesem Menschen“.

„Man begegnet immer wieder Menschen mit denen man nicht kann“.

„Eine Zusammenarbeit mit ihr war von vorneherein nicht denkbar“.

Diese und ähnliche Statements mit mehr oder weniger gleichen, meist sehr kategorischen Aussagen begegnen wir allenthalben. Oft werden sie in Gesprächen auf suggestive Weise mit der Erwartung  geäußert, um Zustimmung oder zustimmendes Verständnis zu erhalten. Lassen wir uns dann darauf ein und fragen,  warum oder wozu das ihrer Meinung nach so sei, fallen die Antworten nur selten anders aus als das Eingangs-Statement:

„Ich sah schon auf den ersten Blick, dass das mit ihr nichts werden würde“.

„Wenn keine Schwingung entsteht, gibt es auch keine Zusammenarbeit“.

„Ich muss nicht mit allen Menschen auskommen“.

Mir scheint, dass sich da jemand – aus welchen Motiven oder Erfahrungen auch immer -  ziemlich enge Grenzen gesetzt hat, die nicht nur das von außen auf ihn zukommende rigoros wertend filtern, sondern auch das, was von innen nach außen will einer strengen Zensur unterwerfen.  Das bedeutet unter anderem, dass dieser Mensch sich im Umgang mit seinen Mitmenschen einen soliden Panzer angelegt und einen verbindlichen Katalog an Bewertungskriterien zusammengestellt hat.

Im Gesprächsverlauf mit diesem Menschen kann ich darauf bestehen auf der Sachebene zu bleiben oder widersprechen und gegenargumentieren … und mache vielleicht zum wiederholten Mal die Erfahrung, dass meine Haltung lediglich die Verteidigung seiner Äußerungen verschärft und die Fronten verhärtet … was in den meisten Fällen in einer ermüdenden und unfruchtbaren Polemik mündet.

Ich kann auch weitere zielführende Fragen in der Hoffnung stellen, dass mein Gegenüber die Endlosschleife seiner Verallgemeinerungen unterbricht und vielleicht von seiner kategorischen Meinung Abstand nimmt oder sie zumindest relativiert. Wiewohl solche wünschenswerten Veränderungen manchmal stattfinden, zündele ich mit weiteren Fragen erfahrungsgemäß eher seine Widerstände. Ich füttere zudem noch seinen Frust, weil er sich wieder einmal nicht bestätigt fühlt und „feststellen muss“, dass er „auch mit mir nicht kann“. Ich zementiere damit letztendlich seine Haltung:

„Ich habe es doch gewusst! Da sehen Sie es selbst. Mit Ihnen kann man auch nicht reden“. Solche Aussagen erinnern mich immer wieder an Watzlawicks Hammer-Geschichte - der schwarze Peter liegt demnach selbstverständlich bei mir, … beim Anderen, so als wäre das Auskommen miteinander etwas, das ausschließlich „vom Anderen“ abhängt.

„Ich habe kein Problem damit“,  heißt es dann. Also muss es tatsächlich und ausschließlich der Andere sein, der damit Probleme zu haben scheint?

Andere Menschen differenzieren von vorneherein: “Ich kann prinzipiell mit jedem, aber nicht jeder kann mit mir“. Einige heben dabei die Schultern und ihre Gesichtsmimik scheint zu sagen: „Da kann ich doch nichts dafür, oder …“?  … aber der Andere.

Grundsätzlich haben wir von unserem Wesen – unserem Menschsein - her ausnahmslos alle die Voraussetzung und auch die Fähigkeit und Mittel, um mit jedem zu „können“. Es ist uns sozusagen „ein natürliches Bedürfnis“ uns empathisch zu begegnen und miteinander auszutauschen. Demnach ist es nicht der Mensch an sich, der nicht kann, nicht können will oder nicht können wollen muss. Es sind vielmehr seine unterschiedlichen kulturellen und sozialen Prägungen und die daraus erwachsenen Denk- und Verhaltensmuster, die es ihm durch ihre nachhaltige Wirkung erschweren oder sogar verweigern. Unsere kulturelle und soziale Prägung sowie diverse Introjekte stecken uns tief in den Knochen und der Spruch, dass wir unsere(n) Nächsten lieben sollen wie uns selbst, wird uns nicht aus dieser Zwickmühle heraushelfen … wenn wir es nicht tun. Mit dem „tun“ beziehungsweise dem „tun können und tun wollen“, schließt sich dann wieder der Kreis.

Nicht um es zum Thema zu machen, sondern nur um es als Beispiel zu nehmen, sei hier die öffentliche (und individuell intime) Auseinandersetzung in Sachen Flüchtlinge erwähnt. Ein grundsätzlicher  Aspekt für das Pro und Contra der Akzeptanz und Integrierung ist ohne Zweifel die (religiös)kulturelle und soziale Prägung der Beteiligten – hier die okzidentale christliche Grundprägung und da die orientalische muslimische Grundprägung. Durch die sich aus diesen Grundprägungen entwickelt habenden Werte-Grundlagen und Ideologien im Verbund mit einer entsprechend ausgerichteten Handlungs-Politik, wird es dem Westler und dem Nah-Ostler ungemein erschwert, in eine fruchtbare Kommunikation zu kommen und sich gegenseitig als Mensch und Wesen gleich und gleich-wertig zu achten beziehungsweise „mit einander zu können“.

Da versperren Kultur und Glaube den Menschen den Weg zu einander, weil beide Kulturen auf unterschiedlichen, tradierten, weiter entwickelten und hoch gehaltenen Wertvorstellungen beruhen und aufbauen. Diese Wertvorstellungen insbesondere  der weltanschaulichen Art machen es ihren Vertretern und Anhängern weitgehend unmöglich sich einander zu nähern. Und wenn die Annäherung stattfindet, geht es in der Regel nur über Kompromisse, die ihrerseits nur wenig dazu beitragen die Kluft zu verkleinern, sondern sie vielleicht eher noch bestätigen. Mensch sein ist kulturell offenbar noch immer kein einheitlich stabiler Wert.

Jenseits der Flüchtlingsdebatte und jenseits der „kleinen regionalen Kriege“ erkennen wir, dass Nähe und Miteinander schon auf viel engerem Raum offenbar unzureichend „gepflegt“ werden. Im Kreis einer homogeneren Kultur (der Okzident, bspw. Europa) wäre die Gleichwertigkeit und das "jeder-mit-jedem-können" durchaus denkbar, weil wir weitgehend einer Kultur entstammen, weitgehend einheitlich christlich geprägt sind und uns seit Generationen (nicht nur) innerhalb Europas multikulturell vermischt haben.

Aus dieser okzidentalen Grundprägung entwickelten sich durch feudal(istisch)e, national(istisch)e, regionale, soziale und auch umweltbedingte Umstände und Einflüsse sogenannte "Zusatz-Prägungen". Wir reden trotz einer papiernen europäischen Gemeinschaft und trotz der Lehren aus dem vorigen Jahrhundert noch immer in Nationalitäten, Rassen und Weltanschauungen, betonen die Angehörigkeit zu dem jeweiligen Geschlecht, kategorisieren nach dem Alter und verbinden damit sehr oft wertende Ansichten … auf denen unser Denken und unsere Handlungen basieren. Diese Prägungen können wir uns jetzt noch detaillierter vorstellen bis hinunter in die Länder, die Ortsgemeinden, den Club oder die Familie ... und in uns selbst, wenn wir unsere manchmal inkohärent arbeitenden Persönlichkeitsanteile als „innere Mit-Akteure“ etwas genauer betrachten. 

Indem wir unsere(n) Mitmenschen entsprechend unserer „inneren Beschaffenheit“ beurteilen, kreieren und zementieren wir Unterschiede aufgrund derer wir vergleichen,  zwangsläufig werten und polarisieren. Wir können nicht anders, denn es  entspricht unserem dualistischen Weltbild  … von oben und unten, von Gut und Böse, wobei die Grauzone zwischen den Polen meist unbeachtet bleibt oder sogar bewusst ignoriert wird. Dabei wissen wir aus der Geschichte und aus eigener Erfahrung, dass verallgemeinernde Polarisierungen gerne ungeprüft in den fruchtbaren Schoß der breiten Masse fallen, wo sie schnell zu allgemeinen Wahrheiten gedeihen, die sehr oft undifferenziert  und ungeprüft übernommen und mitunter als Dogmen umgesetzt werden. Wertende Unterschiede werden zementiert, Normen etablieren sich klammheimlich und Andersdenkende werden zu Parias.

Wir könnten grundsätzlich sehr wohl und sehr gut miteinander, stünden wir uns dabei nicht selbst im Weg, indem wir von vorneherein entscheiden und werten, mit wem wir können wollen und mit wem nicht  können wollen, wer mit uns können könnte und darf, wenn er denn wollte und wir es auch wollten.

Die letzte „Entschuldigung“ um selbst nicht können zu müssen, bzw. um nicht können zu wollen, ist zwar nicht sehr subtil, dafür wird sie aber immer wieder gerne benutzt, nämlich, "dass es letzten Endes davon abhängt, ob der Andere es denn auch will, oder überhaupt kann."  

Ich für meinen Teil nehme das Miteinander-Dilemma mit Humor: Ich liebe alle Menschen, ich wollte nur nicht mit jedem verheiratet sein.