„Seelenleben“ (Arbeitstitel) erscheint als Taschenbuch voraussichtlich im September 2017.

Zirka 320 Seiten

 

 

 

Vorwort

„Ein fröhliches Herz bringt gute Besserung, aber ein zerschlagener Geist vertrocknet das Gebein.“ (Elberfelder Bibel, 1871 - Spr. 17,22).

„Es scheint so, dass die Seele das Meiste nicht ohne den Körper erleidet oder tut.“ (Aristoteles – de anima)

Seit der Begründung der Medizin als Wissenschaft durch Hippokrates von Kos und den Forschungsarbeiten von Galenos von Pergamon, durch die philosophischen Arbeiten u.a. von Plato und Aristoteles bezeugten die Heilkunst und die Philosophie schon sehr früh ihr Interesse an der Wechselwirkung zwischen Körper und Seele. Ihre wechselseitige Beziehung ist inzwischen unumstritten und in Fachbüchern gut dokumentiert.

Mit unserem Körper kommen wir mehr oder weniger gut klar und wenn es ein Problem gibt, können wir uns oft selbst helfen, oder wir wenden uns an unseren Heilpraktiker, Hausarzt oder einen Spezialisten. Mit unserer Seele kommen wir zwar auch einigermaßen klar, merken aber nur eher selten wenn es mit ihr ein Problem gibt. Oft gehen wir erst zum Therapeuten,  wenn die Familie, Freunde oder der Arbeitgeber es uns nahelegen, oder unser Hausarzt uns dorthin überweist. Meistens ist  das Problem dann schon etabliert und unser tägliches Leben und Wirken stark beeinträchtigt. Es sieht manchmal so aus, als würden wir unsere Seele im Vergleich zu unserem Körper eher stiefmütterlich behandeln. An unserem Körper merkten wir wenn es schmerzt, wenn etwas hakt, wenn er nicht mehr reibungslos funktioniert oder wenn wir verletzt sind. Wir können darauf  zeigen und erklären, wo es uns weh tut. Wenn wir allerdings unsere seelischen Wunden und Schmerzen zeigen oder beschreiben sollen, fehlen uns oft die richtigen Worte.

Manch einem mutet es sogar gespenstisch und fast peinlich an, nach seiner Seele gefragt  zu werden oder über sie zu reden, da sie geisterhaft, unfühlbar und mit unseren Sinnen nicht erfassbar ist. Für andere ist sie auf eine gewisse Weise heilig. Mit dem Begriff Seele meinen wir auf jeden Fall etwas, wovon wir überzeugt sind, dass jeder Mensch es in sich trägt, jedoch nichts Körperliches, sondern etwas dem Körper Zugehöriges ist. Viele Menschen lokalisieren die Seele gefühlt im Rumpf und assoziieren sie synonym mit dem Herz – Herzensschmerz, Seelenschmerz. Andere verorten sie in ihren Bauch, wenn sie von ihrem Bauchgefühl reden oder in den Nacken, wenn sie sich angstvoll verspannen. Wieder andere vermuten sie im Gehirn, wie sie das Denken und das Gedächtnis auch in den Kopf verorten.

Selbst die Philosophen waren/sind sich mit der Seelenverortung nicht einig. Folgt man den Argumentationen von Plato, Aristoteles, Epikur, den Stoikern bis zu Descartes, so ist die Seele im Körper omnipräsent. Laut den Epikureern scheint sie in dem gesamten Körperkomplex verstreut zu sein. Obwohl die epikureische Sichtweise als Metapher ihren Reiz hätte, bleibt sie als darstellende Hypothese unbrauchbar, da etwas Körperloses nicht gestreut werden und keinen Raum füllen kann.

Wenn der Mensch sich selbst als Ganzes mit Leib und Seele erfassen, wahrnehmen  und erleben will, hat er ein Problem. Während er seinen Körper mit seinen Sinnen (fühlen, sehen, riechen, schmecken und hören) wahrnehmen und sich ihn auch bildhaft vorstellen kann, ist es für ihn noch immer eines der schwierigsten Unternehmen, seine Seele direkt wahrzunehmen. Er kann sie weder messen noch wiegen. Sie zu erfassen, zu begreifen und als gleichwertigen Teil oder als geistiges Abbild seines ganzen Selbst wahrzunehmen, übersteigt seine sinnlichen Fähigkeiten und er sieht sich bezwungen, auf die Darstellungspalette seiner Vorstellungskraft zurückzugreifen. Mit ein wenig Fantasie ist er in der Lage, sich die Seele ansatzweise nach seinem Verständnis und Gusto auszumalen. Daneben kann er über schon vorhandene  religiöse, mystische und sowohl wissenschaftlich als auch therapeutisch bewährte Seelen-Modelle verfügen und sich diese seinem Verständnis entsprechend gedanklich illustrieren.

Um sich die Seele vorzustellen und um sie zu begreifen, kann der interessierte Mensch heute auf eine reiche und relativ leicht zugängliche themenspezifische Literatur zurückgreifen. Ihm steht bei seiner Suche allerdings nicht immer hinreichend genug thematisches Grundwissen zur Verfügung, das ihn zielsicher durch die inzwischen unübersichtliche Menge an Ratgebern, Sachbüchern und weiterführenden Verknüpfungen populärer Internetseiten führen würde.

Was ist das, diese Seele? Gibt es so was überhaupt? Wo befindet sie sich? Das sind auch heute noch oft gestellte Fragen, wie auch die, wo in uns das Unbewusste zu verorten sei? Oder: Wie soll ich mir das Unbewusste vorstellen? Wie funktioniert das Gedächtnis? Wie hängt das alles denn zusammen? Warum ist dies so und nicht anders zu verstehen?

In der Praxis beantworte ich solche Fragen gerne mit einer Metapher, oder ich biete vage Modelle an und motiviere dadurch den Klienten, seine eigene Vorstellung mit seinen inneren Bildern sprechen zu lassen. Diese Methode hat den Vorzug, dass Neugier, Imagination und Reflexion des Klienten geweckt und beansprucht werden. Er ist dadurch eher in der Lage, eine für sein Verständnis und sein Empfinden kompatible Erklärung auszubilden und muss sich nicht mit einer vorgegebenen Darstellung abfinden, für die er sich nicht richtig erwärmen kann.

Andere Klienten bestehen auf sachlichen und rationalen Erklärungen, die sie dann bestätigungshalber auch gern wiegen, messen, verstehen, akzeptieren und manchmal bis ins Detail ausdiskutieren möchten. Bei diesen sogenannten Kopfmenschen wird, ohne dass sie sich dessen gewahr werden, ebenfalls die Vorstellungskraft aufgerufen; sie werden zunehmend empfänglicher für bildhafte Sendungen aus ihrem Unbewussten.

Das, was ich in diesem Buch an Zusammenhängen und Hinweisen zusammengetragen und mit persönlichen Interpretationen versehen habe, richtet sich an interessierte Laien. In diesem Sinn erhebt dieses Buch keinen Anspruch, ein wissenschaftliches Werk zu sein, sondern eine kurze Einführung in das weit gefächerte Gebiet der Wissenschaft der Seele, das der interessierte Leser mit seiner Neugier betreten wird. Eine Auswahl an Literaturhinweisen und Internetseiten mag den Leser zudem motivieren gegebenenfalls weiter zu schmökern. Wenn ihm meine Überlegungen zu verschiedenen Themen zusätzliche Sicht- und Denkweisen eröffnen, freut mich das besonders.

 

 

 

Die Seele

Wie ich schon angedeutet habe, kommt der Begriff Seele in mythologischen, mystischen, religiösen, esoterischen, theologischen, philosophischen und psychologischen Traditionen und Wissenschaften vor und hat je nach Ursprung oder Kontext eine unterschiedliche Bedeutung.

Die animistische (heidnische) Seele ist nicht einheitlich interpretiert und stellt sich in zahlreichen Variationen dar. Es heißt, dass sie der geistige Beherrscher oder Regisseur des Körpers sei – dass sie den Körper umgebe wie ein Mantel oder eine Aura – dass sie im Körper wohne – dass sie über ihm schwebe – dass sie autonom und vom Körper getrennt wirke – usw.  Solche und ähnliche Darstellungen sind noch heute in diversen Naturreligionen sehr verbreitet. Weithin galt/gilt die Seele zudem als unsterbliches, transzendentales Wesen, das nach den Vorstellungen diverser Glaubensrichtungen nach dem Tod des Menschen oder seines Körpers in ein anderes neugeborenes Wesen (Mensch oder Tier) transmigrieren und dort re-inkarnieren beziehungsweise wieder zu Fleisch würde. (Seelenwanderung)

Zu diesen Variationen der Seelenbetrachtung gesellten sich seit dem Auftauchen der New-Age-Bewegung noch etliche andere Interpretationen und Sichtweisen und die Idee einer digitalen Seele steht wohl auch schon im Raum. In diesem Buch will ich jedoch nur jenen Betrachtungsweisen und Darstellungen der Seele folgen, mit denen die Psychologie arbeitet.

In der dualistischen Vorstellung Platons war „die unsterbliche Seele das Prinzip des Lebens“, der Sitz der Erkenntnis und der Emotionen und Trägerin der ethischen Verantwortlichkeit. Sie spiegelte „das Prinzip der kosmischen Bewegung“ und war die „belebende Kraft, die den Verstand, die Begierden sowie den Mut und den Willen bewege“, … eine Ansicht, die im 19. Jh. zu einer Einteilung der „seelischen Funktionen“ führte: Denken, Fühlen und Wollen.

Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) lieferte mit seiner psychologischen Hauptschrift „de anima“ die erste Monografie über die Seele überhaupt. Sein oft zitierter Satz: „In jeder Beziehung aber ist es durchaus eine der schwierigsten Untersuchungen (Aufgaben), zu einer überzeugenden Ansicht (Vorstellung) über die Seele zu gelangen. (…)“, hat noch heute seine Gültigkeit, die in so manchen Grundsatzdiskussionen und Streitgesprächen immer wieder bestätigt wird.

Gemäß Aristoteles ist die Seele eine ausschließlich dem Menschen in dieser Form „verliehene Kraft zur Selbstverwirklichung, zur Selbstentwicklung und Selbstvollendung aus der Vernunft heraus“. Zudem war er der Ansicht, dass die Seele nicht losgelöst vom Körper zu betrachten sei: „Es scheint so, dass die Seele das Meiste nicht ohne den Körper erleidet oder tut. (…) Am ehesten scheint noch das Denken nur der Seele anzugehören. Wenn aber auch dieses eine Art Vorstellung oder zumindest nicht ohne Vorstellung ist, dann kann es nicht ohne Körper sein. Es scheint aber, dass auch alle Affekte der Seele mit dem Körper verbunden sind: Zorn, Milde, Furcht, Mitleid, Mut, ferner Freude, Lieben und Hassen. Denn zugleich mit diesen erleidet der Körper etwas“. Der Ansatz zu einem ganzheitlichen Verständnis des Menschen und die vage Idee einer entsprechend vollumfänglichen Heilkunst sind demnach nicht so neu.

René Descartes schrieb, dass die Seele eine von Gott herrührende geistige Substanz sei, welche dafür sorgen würde, dass die Lebensgeister in der Zirbeldrüse geweckt und in die Blutbahnen abgegeben würden. Sein Statement scheiterte unter anderem an Immanuel Kants Definition, die besagt, dass Körpervorgänge lediglich materielle Erscheinungen seien. Seelische Abläufe hingegen seien immateriell. Sie würden sich in den Fähigkeiten der Wahrnehmung, der Empfindung von Gefühlsregungen und der Äußerung und Umsetzung von Begierden zeigen und sich in Erkenntnissen über die Reflexion, das Urteilsvermögen und der Vernunft äußeren.

Was also soll die Seele sein oder darstellen? Detlef von Uslar formulierte es so: „Was ist Seele? Die Frage ist uralt. Schon Aristoteles stellt sie seinen Überlegungen über Seele und Leben voran. Doch in der Psychologie als Wissenschaft wird sie zumeist übersprungen. Man geht von stillschweigenden Voraussetzungen aus, was Seele ist. Sie wird dabei oft als Innerlichkeit oder Bewusstsein, also als etwas Unräumliches, aufgefasst, das mit dem Körper als Teil der Natur in einem schwer durchschaubaren Zusammenhang steht. Dem setzen wir hier eine andere Definition von Seele gegenüber: Seele ist die Wirklichkeit unseres leiblichen, zeitlichen und gemeinsamen Auf-der-Welt-Seins.“ (von Uslar 1999)

Dieses "Ding", das Aristoteles als das Allerschwierigste sich Vorzustellende bezeichnete, hat eine lange Geschichte. Durch seine weit zurückreichende, stark mystifizierte und religiös idealisierte Geschichte verführt der Begriff Seele noch heute oft zu Missverständnissen und Grundsatzdiskussionen. Auf der einen Seite stehen die Verfechter der animistischen, der gnostischen und der metaphysischen Mysterien-Seele. Auf der anderen Seite befinden sich die Befürworter des philosophisch-psychologischen Modells einer als nicht fassbar, unräumlich, imaginär oder als existent angenommenen Psyche.

In der Psychologie wird die Seele aufgrund der zwei klassischen Richtungen der Seelenforschung einerseits als philosophisch-psychologisch zu sehende, gestaltlose Seele, andrerseits als physiologisch-mechanistische Seele angenommen.

Die Verhaltenspsychologie und mit ihr die Biopsychologie arbeiten im Prinzip mit der physiologisch-mechanistischen Form der Seele, während die Tiefenpsychologie und die ihr nahestehenden Disziplinen eher von einer gestaltlosen Seele ausgehen.

Die animistische Seele wird von den beiden Zweigen der wissenschaftlichen Psychologie abgelehnt, da sie weder mit Vernunft noch mit Logik darstellbar ist und auf okkulten Ansichten fußt, dass der Körper von einem Geist oder einem transzendenten Wesen bewohnt/beherrscht wäre. Je nach Glauben, Kult und Interpretation beherrscht die animistische Seele den Körper, oder sie steht mit den körperlichen Prozessen in keinem Zusammenhang, sondern wirkt autonom und autark jenseits des Körpers.

Die psychologisch angenommene Seele wird als Volumen und/oder als Arbeits- und Erklärungsmodell quasi laufend neu beziehungsweise durch neue Ideen und Erkenntnisse ergänzend definiert und ist nach wissenschaftlicher Tradition nach wie vor falsifizierbar. Für den Psychologen ist die Seele als Volumen oder als Mechanismus hypothetisch existent. Bis heute gibt es (noch) keine wissenschaftliche Methode, sowohl die gestaltlose, als Volumen gedachte Seele als auch die physiologisch-mechanistische, als vom Gehirn beherbergte Seele, als real existent zu bestätigen geschweige denn zu lokalisieren.

Sigmund Freud interpretierte die Psyche als ein kompaktes, unüberschaubares Volumen mit unterteilten Funktionen als Bühne des Lebens. Das Gehirn sah er als das körperliche Organ, welches die in der Seele stattfindenden Abläufe für die Funktionen des Körpers physiologisch–energetisch übersetzen würde.

Carl Gustav Jung machte einen Unterschied zwischen Seele und Psyche. Für ihn war die Psyche die Summe aller unbewussten und bewussten Interaktionen. Die Seele hingegen sah er als die Persönlichkeit und ordnete ihr einen begrenzten Raum für ihre Funktionen zu. Die Persönlichkeiten teilte Jung ebenfalls: einerseits die innere Persönlichkeit, welche identisch mit der Seele ist, andrerseits die äußere Persönlichkeit, die als ein Abbild, eine Maske zu verstehen ist, welche die vom Menschen bewusst gewählten Absichten, Ansprüchen und Meinungen spiegele.

Während die wissenschaftlich angenommene Seele sich durch die Verifizierbarkeit und Vielfalt ihrer Darstellung ausgenommen flexibel zeigt, verharrt die animistische Seele durch die durchgängig dogmatisch oder metaphysisch fixierte Darstellung. Sie wird von ihren Befürwortern als definitiv und unveränderlich betrachtet, was ein kritisches Hinterfragen beziehungsweise eine Verifizierung a priori ausschließt und die animistische Seele somit in den Bereich des Mystischen respektive Esoterischen, ergo Unwissenschaftlichen drängt.

Eine grundlegende Maxime der wissenschaftlichen und klinischen Psychologie ist die, dass keiner, der mit einer der beiden von der Psychologie anerkannten Seelen-Theorien arbeitet, auch an sie glauben muss. Als Metapher ist die Seele ein überaus nützliches und erfolgreich angewandtes psychologisches/psychotherapeutisches Arbeitsmodell, das nicht den Anspruch erhebt eine endgültige Wahrheit zu sein.

Der Psychologe und der Therapeut betrachten die Seele von einem ähnlichen Standpunkt aus, wie der Physiker die Energie, oder wie der Chemiker das Neuron. Weder die Energie noch die Neuronen sind für den Physiker und Chemiker sensorisch direkt beobachtbar. Beide Wissenschaftler gehen von den Eigenschaften und Verhalten ihrer Forschungsobjekte und von den Erkenntnissen aus, die sich für sie ergeben. Erweisen sich die Forschungs- und Anwendungsresultate als nicht beständig, können sie verworfen, neu geprüft und wiederholt werden. Die jeweiligen Ergebnisse werden in Zusammenhang, Abgleich und Vergleich gebracht und ergeben dadurch gegebenenfalls weitere Ansatzpunkte für neue oder erweiterte Forschung.

Die psychologische Seelen-Erforschung besteht unter anderem darin,

  • die Seele als Apparat oder als komplexe Maschine in ihren Detailfunktionen kennenzulernen
  • sie als komplexes Ganzes in ihrer (Wechsel)Wirkung mit dem Körper zu sehen und zu prüfen
  • ihre Beteiligung an den Zusammenhängen im emotionalen und körperlichen Gefüge, im Denken, im Verhalten und Handeln des Menschen zu analysieren und zu verstehen
  • den Umfang, die Auslöser und die Ursachen von Störungen und Krankheiten zu finden und diagnostisches und therapeutisches Basismaterial zu sammeln.

Diese psychologischen Themen und Prozesse transparent zu machen, ist unter anderem die Aufgabe der forschenden Psychologie. Die therapeutische Psychologie konzentriert sich darauf, mit den vorhandenen Erkenntnissen und den aus ihrer Vernetzung gewonnenen praktischen Verfahren (Methoden, Formaten) den Menschen zu helfen, deren Verhalten gestört und deren Seele verletzt ist.