Glaubenssätze

 

Die Welt ist schlecht. Das Leben ist ein Kampf. Die Menschen sind grausam. Das war schon immer so. Das schaffe ich nicht. Geld verdirbt den Charakter ...

Wer hätte diese oder ähnliche Sätze nicht schon gehört oder selbst gebraucht: Glaubenssätze, Lebensregeln, Interpretationen und Verallgemeinerungen.  Der, der sie denkt und ausspricht, hält sie für wahr. Er glaubt daran und richtet sein Leben bewusst und unbewusst danach ein. Es glaubt daran, weil man es ihn so gelehrt hat und weil er sich auf frühere Erfahrungen und nachträgliche Bestätigungen berufen kann. Daraus schlussfolgert er, „weil es schon immer so war, kann es jetzt nicht und wird es nie anders sein“. Weiterhin geht er meist davon aus, dass alle anderen auch so denken.

Glaubenssätze behaupten warum etwas so und nicht anders ist. Sie werden durch Beispiele und Erfahrungen belegt, scheinen sich im täglichen Leben immer wieder zu bestätigen und werden somit Grundlage für unser Denken unser Handeln. Im schlimmsten Fall beeinflussen sie unser ganzes Wesen. Sie gebieten uns, was wir denken, wie wir zu fühlen haben, aus welcher Perspektive wir etwas zu betrachten haben, was wir glauben sollen, glauben müssen, glauben dürfen.  Sie beeinflussen durch ihre imperative Dominanz was wir wahrnehmen, wie wir das Wahrgenommene beachten, was wir uns erlauben zu denken und zu fühlen. Sie sagen uns, was wir für möglich zu halten haben. Wenn wir sie versuchsweise als „ausführende Arme“ unserer Persönlichkeitsanteile betrachten, scheinen sie uns vor etwas bewahren oder schützen zu wollen und somit in guter Absicht zu handeln.

Sie sind gewissermaßen der Gegenpart zu unserem ethischen Imperativ. Dieser zielt darauf ab, bei unseren Beurteilungen oder Entscheidungen die Wahl der Möglichkeiten zu erhöhen und wertend zu betrachten. Als Handlungsmaxime fragt er danach, was gemäß dem subjektiven geltenden Werteverständnis das beste „Preisleistungsverhältnis“ ist und was demnach gemacht werden darf oder kann.  Die Glaubenssätze hingegen reduzieren und dekretieren die Wahlmöglichkeiten auf eine einzige.

Glaubenssätze entscheiden darüber, wie Menschen oder Dinge sich zueinander verhalten. Bei einer genaueren Prüfung erkennen wir, dass sie logisch oft gar nicht  haltbar sind. Viele von ihnen fußen lediglich auf induktiven Schlussfolgerungen, Hörensagen und Verallgemeinerungen, die auf  negativen oder positiven Erfahrungen beruhen. Glaubenssätze werden uns quasi schon die Wiege gelegt.  Manchmal werden sie uns regelrecht von den Erwachsenen „introjiziert“. Wir erwerben sie unmerklich während unserer kindlichen Erziehung, in der pubertären Jugend und noch im Erwachsenenalter. Durch gelegentliche Bestätigung (meist in Form einer selbsterfüllenden Prophezeiung) werden sie zu „der unumstößlichen Wahrheit, dass es immer so ist und sein wird“ … und wir leiten eine Lebensregel davon ab.

Glaubenssätze, die von Fachleuten, von Prominenten oder Autoritäten geäußert werden, haben bei vielen Menschen eine besondere Prägewirkung, da sie „offensichtlich von Leuten kommen, die wissen müssen, wie es geht“.

Andere Glaubenssätze machen wir uns selbst. Wenn uns öfters das Gleiche Missgeschick oder der gleiche Erfolg beschert ist, können wir auch davon eine Regel ableiten, „dass es immer so ist, sein wird, weil es schon immer so war“.

Glaubenssätze haben ein starkes (Selbst)Überzeugungspotential, das durch die passende Rhetorik noch suggestiver, noch imperativer ausfallen kann: „das weiß doch jeder, dass … wie kannst du nur daran zweifeln?“ Auf diese Weise unterstützte  Glaubenssätze triggern uns in unserem vermeintlichen Unwissen. Wir halten sie ergo für umso wahrer, da sie für alle anderen offenbar eine feste und stets bestätigte Allgemeingültigkeit haben. Besonders die rhetorische Formulierung erschwert es uns, überhaupt zu merken, ob es sich um einen Glaubenssatz handelt. In der Kommunikation fällt uns bei solchermaßen formulierten Glaubenssätzen auch schwer, den Gegenüber darauf aufmerksam zu machen, da die Aussage nicht offensichtlich als Glaubenssatz daherkommt, sondern suggestiv als erprobte Lebensregel, als bestätigte Erfahrung, als unumstößliche und ernstzunehmende Wahrheit.

Manche Glaubenssätze wirken wie eingefrorene Schlussfolgerungen: wenn Dieses  „so“ ist, dann kann das Andere nur „so“ sein! Oder es sind Annahmen, die als geltende Tatsachen postuliert werden: „es ist halt so, dass …“ oder sie werden als altehrwürdige Weisheiten gepriesen: „schon die alten Griechen wussten, dass…“

Der Mensch kommuniziert nicht nur mit seiner Sprache, sondern auch mit emotionaler Betonung und einer begleitenden Gebärdensprache. So werden Glaubenssätze je nach Inhalt und Bedeutung meist im Brustton der Überzeugung, mit demonstrativ abschätzender Überheblichkeit,  mit betonter Resignation, mit determinierter Sicherheit oder fatalistischer Unausweichlichkeit geäußert.

Nun gibt es nicht nur hemmende, einschränkende oder hinderliche Glaubenssätze, sondern auch solche, die uns beflügeln und weiterbringen können, weil sie auf unser Denken, unser Handeln und unsere Gefühlswelt im Gegensatz zu den einschränkenden Glaubenssätzen einen nutzbringenden Einfluss ausüben: ich schaffe das … Persönliche Glaubenssätze, insofern sie nutzbringen und weiterführend unterstützend sind, verstärken das Selbstwertgefühl und stabilisieren das Selbstbewusstsein. Alle anderen drücken aufs Gemüt und verunsichern.

Sowohl bei einschränkenden als auch bei unterstützenden Glaubenssätzen nehmen wir verstärkt wahr, bzw. erneuern wir den Glauben an das, was wir bisher geglaubt haben. Zudem werden sie durch Widerspruch oder Bestätigung in ihrer Verankerung bestärkt.

Glaubenssätze die erkannt sind, können in ihrer Wirkung aufgelöst werden: durch Skepsis und Gegenbehauptung, durch Zweifeln und Hinterfragen, „war das wirklich schon immer so?