Freiheit

 

Begriffe wie Abhängigkeit und Freiheit werden oft in Unterhaltungen erwähnt, oder sie sind das Thema einer mitunter hitzigen Diskussion.

Manch einer pocht auf seine "innere Freiheit", die er sich nehmen dürfe, die ihm zustünde und ihn von allen anderen Lebewesen unterscheiden würde. Weil er denken könne, sei der Mensch an sich ein freies Wesen, das sein Leben logischerweise auch frei gestalten könne ...

Diese Behauptung ist alles andere, aber nicht logisch.

Wir leben ausnahmslos alle in gegenseitiger sozialer Abhängigkeit, in physischer, in sinnlicher und in emotionaler Abhängigkeit zu unserer Umwelt. Wir leben in geistiger Abhängigkeit zu unseren Gedanken und seelisch in unseren Emanationen aus dem Unbewussten. Diese Abhängigkeiten wirken zudem noch  interaktiv und sind interdependent.

Auf die sozialen, die physischen und sinnlichen Abhängigkeiten können wir Einfluss nehmen. Wir können sie aber nicht beherrschen. Die Abhängigkeit von unseren Gedanken und unserem Unbewussten  können wir nicht einmal kontrollieren. Wir haben keinerlei Einfluss darauf.

Wir leben alle in einem ziemlich dicht gestrickten symbiotischen, parabiotischen und probiotischen System. Wir sind im Grunde also nicht wirklich frei, sondern befinden uns in einer dauernden interaktiven und interdependenten Abhängigkeit mit allem. Obwohl das uns allen bei einigem Nachdenken einleuchtet, fällt es uns aber offenbar schwer, diese Interdependenz zu akzeptieren, weil es dem Archetypen in uns, oder der Krone der Schöpfung, also jenem, sich als höchstes und intelligentestes Wesen wähnenden Menschen zu widersprechend scheint.

Wir wissen also, dass die Freiheit - realistisch gesehen - eine Illusion ist. Wir streben sie aber nichtsdestotrotz an und verteidigen sie als erstrebenswertes Gut. Weil wir nun die große Freiheit nicht mit unseren, uns zur Verfügung stehenden Mitteln erreichen können, beanspruchen wir als Einzelindividuum ersatzweise, sozusagen als Kompensation für die nicht mögliche "große Freiheit", eine kleinere, bescheidenere  "persönliche Freiheit", die allerdings - wenn wir es wiederum fundamental betrachteten - ebenfalls nicht erreichbar ist.


Bei beiden "Freiheiten" handelt es sich um Vorstellungen, um Wünsche und  Erwartungen, um Verlangen, um Ansprüche und Sehnsüchte, die tief in uns verankert sind und von unseren Persönlichkeitsanteilen "provoziert" werden …. ein Drang nach Freiheit.

Allein, wie wir es auch drehen und wenden, die von uns erstrebte Verwirklichung dieser "Freiheiten" wäre immer abhängig "von etwas" und deshalb von vorneherein ein Widerspruch, ein Absurdum.

Wir werden "frei-von" der Behinderung durch diese Illusion, diesen Widerspruch und "frei-für" die Verwirklichung und Akzeptanz unseres Selbst und unseres Gegenüber, wenn wir die Freiheit als solche entmystifizieren.

Wir sollten uns klar werden, dass wir nicht ohne, sondern nurdurch die Gemeinschaft wachsen können, ... weil wir von der Gemeinschaft abhängig sind und ohne sie kein Gegenüber hätten, an dem wir uns messen, an dem wir uns vergleichen und an dem wir wachsen könnten. Ein Individuum allein hat keinen Bezug. Ohne das DU gibt es kein ICH.

Im Grund gibt unser ganzes Wesen uns das Beispiel. Das eine geht nicht ohne das andere - Psyche und Physis sind interdependent. Allein für sich, sind sie zu nichts fähig ....

Wir teilen beispielsweise Gefühle aus, in der Erwartung, welche zurück zu bekommen. Das ist eine typisch individualistische Einstellung. In einer ungezwungenen freiwilligen Abhängigkeit, in der die Gemeinsamkeit, bzw. die Ganzheitlichkeit zu Schlüsselwörtern werden, fällt die Erwartungshaltung des Bedürfnisses "zu geben und zu nehmen" weg. Der Austausch ist in der Gemeinschaft durch die ungezwungene Abhängigkeit von vorneherein schon Fakt.

Der drängende Wunsch und die Suche nach persönlicher Freiheit oder welcher auch immer, wird überflüssig, weil die Ursachen und Auslöser "verschwunden" sind.

In der Gemeinschaft gibt es reichlich Raum, um "sich selbst zu sein" und sich als Einzelner entfalten und wachsen zu können. Die Gemeinschaft gibt, bzw. "ermöglicht" uns diesen Raum erst, denn ohne die In-Sich-Geschlossenheit der Gemeinschaft wäre Raum gar nicht denkbar, da es für ihn keinen Rahmen gäbe.

Die Gesamtheit der Gemeinschaft ist an sich "wertfrei", da sie sozusagen als Rahmen in sich allen anderen (kleineren) Gemeinschaften unabhängig von deren Qualität, Raum gibt, sich zu entfalten, in einer permanenten, interaktiven  und interdependenten Wechselwirkung.

Außerhalb der Gemeinschaft würde jeder sich zwangsläufig verlieren.

Innerhalb der Gemeinschaft kann man als Einzelner allerdings eine "innere Ausgeglichenheit"(Akzeptanz seiner selbst im Zusammenhang/Zusammenspiel mit allem) erreichen. Die Ausgeglichenheit ermöglicht es uns, das "äussere Leben" zuzulassen, wie immer es sich auch anbietet. Wir können wohl darauf einwirken, wir werden aber erkennen müssen, dass unser Einwirken nicht nur in die eine, von uns angepeilte Richtung geht, sondern durch die Interdependenz auch auf andere Elemente wirkt: beispielsweise auf den Partner - von ihm aus auf seine Bekannten, auf Umstände und Zustände usw., und zwangsläufig auch auf uns zurück.


Würden wir beispielsweise etwas "weg machen" können, käme zwangsläufig etwas anderes an seine Stelle. Darauf haben wir keinen direkten Einfluss, sondern erst dann, nachdem es "eingetreten" ist. Es ist also intelligenter(vernünftiger) und gesünder, etwas zuzulassen und zu lernen, damit umzugehen. Allein schon, dass wir etwas zulassen, ergeben sich neue Möglichkeiten der Weiterentwicklung.

Die innere Ausgeglichenheit verleiht uns eine gewisse Souveränität. Bildlich gesehen, stehen wir zwar nicht über den Dingen, wir sehen, wir überschauen und verstehen damit jedoch die Struktur. Wir erkennen und entdecken uns selbst darin und verstehen, warum alles interdependent ist und warum die Menschen so handeln, wie sie handeln.

"Freiheit" ist ergo nicht die Ausklammerung aus allem, sondern die Akzeptanz der Zusammenhänge. Dadurch entsteht eine gewisse "Leichtigkeit des Seins".... das, was allgemein als Freiheit verstanden wird.