Alter und Tod

 

„Der Mensch würde gewiss keine siebzig und achtzig Jahre alt, wenn diese Langlebigkeit dem Sinn seiner Spezies nicht entspräche. Deshalb muss auch sein Lebensnachmittag eigenen Sinn und Zweck besitzen und kann nicht bloß ein klägliches Anhängsel des Vormittags sein.“

(Carl Gustav Jung in „die Lebenswende“)

"Die Vorstellung des Todes ist etwas spät und zögernd Rezipiertes, sie ist ja auch für uns noch inhaltsleer und unvollziehbar"

(Sigmund Freud in "Animismus")

Alter, Krankheit, Gebrechen und das Sterben mehr noch als der Tod selbst, wecken schon bei vielen Menschen mittleren Alters Angst – Existenzangst. Den erwähnten Zutaten des Lebens begegnen viele mit einer passiven Strategie: die gefürchteten Bürden werden entweder geleugnet, ignoriert oder verdrängt, oder auch noch auf fatalistische Weise hingenommen und mit depressivem Nachdruck schon im Voraus beklagt. Nur sehr selten begegne ich Menschen, die dem Sterben und dem Tod eher gelassen entgegen sehen.

Angst, Krankheit, Gebrechen und Tod werden gerne in einen Topf geworfen und zu einem unverdaulichen Eintopf köcheln gelassen, an dem viele bis an ihr Lebensende zehren. Der Lebensnachmittag – wie ihn C.G. Jung nennt – wird dadurch schon zu einem trübsinnigen Vorgeschmack auf das Lebensende, das sich dann auch in den meisten Fällen als selbsterfüllende Prophezeiung entsprechend  erweisen wird. Mit zahllosen Ablenkungs- und Kompensationsstrategien wird hartnäckig danach getrachtet diese düstere Vorschau auf das Altwerden, gegebenenfalls das Krankwerden und das Sterben aus dem Bewusstsein zu verbannen. Dabei ist es nicht nur vernünftiger, sondern auch gesünder, den Tod und das Sterben als unumgänglichen Aspekt unseres Daseins in unser Fühlen und Reflektieren hineinzunehmen.

Wir können uns mühen, den Tod zu verleugnen oder uns mit der kindlichen Hoffnung über Wasser halten, ihm doch noch – wie auch immer und mit wessen Hilfe auch immer – von der Schippe hüpfen zu können, was so viel heißt, wie von ihm nochmal eine gnädige Verlängerung zu erhaschen.  Vielleicht weil am Lebensabend – frei nach Seneca – die Früchte besser schmecken, weil sie zur Neige gehen … und wir uns dann erst bewusst werden, dass wir dieselben Früchte zeitlebens kaum beachtet hatten.

Wir hatten während unserem Lebensvormittag andere Vorstellungen und andere Prioritäten als in der Mitte und an Ende unseres Daseins. Wir wurden gelehrt, den Tod als Gegner, als Feind zu betrachten, den es – wenn wir ihn schon nicht überlisten oder besiegen können -  so lange zu bekämpfen gilt, wie es in unserer Macht steht. Diese Lehre, der schon unsere Ahnen und Urahnen folgten, steckt uns  tief in den Knochen, so tief, dass wir Wissenschaften ins Leben riefen, die uns dabei helfen sollten, diesen Kampf obsolet zu machen. Den heiligen Gral, den Stein der Weisen oder die Quelle ewigen Lebens zu finden, war seit jeher menschliches Bestreben und so wächst die Hoffnung, dass der Medizin nicht nur die Verlängerung des Lebens, sondern der Sieg über den Tod gelingen möge.

Wenn wir nicht frühzeitig durch einen Unfall oder Ähnliches zu Tode kommen, scheint es, als müssten wir alt, krank und schwach werden um letztendlich sterben zu müssen, beziehungsweise sterben zu dürfen – je nachdem, wie wir es betrachten.

Alter (Schwäche), Krankheit (Schmerzen), Gebrechen (Hilflosigkeit, Abhängigkeit) und das Sterben (der Tod) ängstigen die meisten Menschen. Wieso?  Weil sie die falsche Perspektive benutzen um den Tod zu schauen.

Frei nach Seneca sterben wir (im Alter) nicht, weil wir krank, schwach und hilflos sind, sondern weil wir leben. Wenn wir die Krankheit überwunden haben, sind wir nicht dem Tod, sondern der Krankheit entkommen. Wenn wir wieder erstarkt und nicht mehr hilflos sind, haben wir nicht den Tod besiegt, sondern unseren Zustand.

Dem Tod entkommen wir nicht, denn er ist eine natürliche Etappe unseres Lebens, sozusagen das Ziel. Ein Freund meinte mit seinem ihm eigenen makabren Humor: „Die einen leben und die anderen sterben ihrem Tod entgegen“.

Als junger Menschen ist es unser Ziel erwachsen zu werden. Als Erwachsener ist es unser Ziel, ein interessantes Leben zu leben. Danach ist es unser Ziel alt zu werden, wobei die Betonung auf „alt“ liegt und sehr alt meint und insgeheim unsterblich ersehnt, wiewohl wir wissen, dass Letzteres lediglich ein Wunsch sein kann und bleiben wird.

„Ich bin als Arzt überzeugt, dass es sozusagen hygienischer ist, im Tod ein Ziel zu erblicken, nach dem gestrebt werden sollte, und dass das Sträuben dagegen etwas Ungesundes und Abnormes ist, denn es beraubt die zweite Lebenshälfte ihres Zieles“. (C.G. Jung)

Ich teile C.G. Jungs Ansicht und sie sollte dem Menschen sehr früh schon als Option angeboten werden. Nur, wie sollte man einem jungen Menschen, der erst ins Leben blickt, den Tod als Ziel schmackhaft machen? Wäre das nicht etwa so, als wolle man einem Goldfisch erklären was ein Ozean ist? Ich denke, es liegt nicht am Verständnisvermögen des jungen Menschen, ihm dies ans Herz zu legen, wohl eher liegt es an unserem Unvermögen, es glaubhaft zu vermitteln.

Unser Leben entspricht einem Bogen, dessen Anfang seinem Ende begegnet, gleichsam die Schlange, die sich in ihren eigenen Schwanz beisst oder der gnostische Orouborus. Ein Kreis schließt sich. Das Kind entwickelt sich aus seinem Unbewussten heraus, um als alter Mensch wieder darin zu versinken – Asche zu Asche, Staub zu Staub.

„Was klagen wir über die Natur? Sie hat sich gütig erwiesen: das Leben ist lang, wenn man es recht zu brauchen weiß“. (Seneca in „Von der Musse“)